Impressum Sitemap

Werden die Träume wahr?

Werden die Träume wahr?
Kurt Müller, Erstfeld

An kalten, langen Winterabenden vertreibt sich der Strahler die Zeit damit, seine gefundenen Stufen zu reinigen. Wenn er viel Glück hatte, kann er seine Sammlung mit einer oder mehreren Stufen ergänzen oder er schwelgt in Erinnerungen an vergangene Strahlertouren, träumt von neuen, verborgenen Klüften und stöbert in der Fachliteratur. Vielleicht bereitet er auch die eine oder andere Mineralienbörse vor und fragt sich bestimmt mehrmals, welche Preise nun gerechtfertigt sind für diese Stufen. Ganz sicher schmiedet er Pläne für die kommende Strahlersaison und hofft auf einen schönen Sommer mit guten Funden.

Sie sehen also, liebe Leser, einem richtigen Strahler sollte es eigentlich im Winter nie langweilig werden. Meistens ist es dann so, dass diese Träume der harten Strahlerrealität nicht standhalten und es ganz anders herauskommt, als erhofft. Aber genau deswegen gehen die meisten Strahler ihrem Hobby nach. Weil nicht alles planbar ist, schon gar nicht das Finden einer guten Stufe. Und weil man immer wieder Überraschungen erleben kann, im positiven, wie im negativen Sinn.

Im Sommer 2007 waren mein Bruder Bruno und ich mehrere Tage damit beschäftigt, eine Kluft in der Nordwestflanke des Galenstocks zu bearbeiten. Viel zu früh spielte uns das Wetter auf dieser Höhe einen Streich und bedeckte die Stelle mit Schnee und Eis. Wir waren aber damals beide der Meinung, dass mit gezieltem, weiterem Abbau noch etwas zu holen wäre. Nach der Mineralienbörse Disentis begann für uns der Strahlerurlaub und damit die Saison 2008. Als erstes statteten wir unserer letztjährigen Stelle am Galenstock einen Besuch ab. Mit etwas Geduld und hartnäckigem Arbeiten konnten wir noch einige kleine Rauchquarzstufen der Kluft entlocken. Besonders Freude machten uns die glänzenden Eisenröschen auf dem Rauchquarz. Zwar klein im Format, aber trotzdem schön anzusehen. Wir waren so vertieft in unsere Arbeit, dass wir vollkommen vergassen, zwischendurch das Wetter zu beobachten. In unserem Eifer bemerkten wir nicht, dass sich über dem Gipfel des Galenstocks eine riesige Gewitterwolke gebildet hatte. Erst der gewaltige Knall eines Donners liess uns wie erschreckte Kaninchen hochschnellen. Nun sahen wir auch die drohende Gefahr. Da mittlerweile ein Eispanzer das Weiterarbeiten an der Kluft erschwerte, fiel es uns leicht, eiligst den Arbeitsplatz zu verlasen und den langen Heimweg anzutreten. Gegen Westen zeigte sich das Wetter aber wieder von der freundlichen Seite, so dass wir trockenen Fusses beim Belvedère ankamen. Doch kaum waren Schuhe und Rucksäcke im Auto verstaut, brach das Gewitter los. Gewaltiger Platzregen, leuchtende Blitze und krachender Donner sorgten ein paar Minuten lang für eine infernalische Szenerie. Bei der Heimfahrt beschlossen wir, die Arbeit an unserer Kluft für einige Tage einzustellen. Die Sonne sollte den Eispanzer schmelzen, wenigstens für ein paar Zentimeter.

Die nächsten Tage versuchten wir unser Glück in unmittelbarer Nähe unseres Biwaks am Fuss des Gletschhorn. Diese Strahlertage waren weniger geprägt durch gute Funde, sondern mehr durch launisches Wetter mit vielen Gewittern, zum Teil schon am frühen Nachmittag.







Ein langer Tag
Einige Tage später beissen sich die Zacken meiner Steigeisen wieder ins harte Eis des Rhonegletschers. Da Bruno im Moment auf der Voralphütte noch einige Arbeiten zu erledigen hat, bin ich alleine unterwegs. Mit der Hoffnung, die Sonne und die Gewitterregen hätten in der Zwischenzeit das Eis in der Kluft soweit zum Schmelzen gebracht, dass ich weiterarbeiten könnte, ziehe ich frohgelaunt Richtung Galenstock. Weil die Stelle erst um die Mittagszeit von der Sonne beschienen, wird nehme ich nicht den direkten Weg. Mein Ziel ist es, zuerst andere verdächtige Stellen genauer unter die Lupe zu nehmen. So drehe ich mal da einen Stein um, verfolge dort eine viel versprechende Quarzader und suche mit dem Feldstecher nach guten Felszonen. Mittlerweile bin ich schon weit über der 3000-er Höhenlinie und so nahe am höchsten Punkt des Galenstocks, dass ich mir noch die Zeit nehme, dem Gipfel einen Besuch abzustatten. So bin ich mittlerweile schon über zwölf verschieden Routen diesem Berg auf seine markante Schneekappe gestiegen. Auch das macht für mich die Faszination an der Strahlerei aus, sich hin und wieder Zeit zu nehmen, um einen Gipfel auf einer noch unbekannten Linie zu besteigen, die ungezwungene Freiheit zu geniessen und Freude zu haben, in einer grossartigen Bergwelt unterwegs zu sein. Nach einer ausgiebigen Mittagsrast besuche ich noch eine alte Stelle 100 Meter unterhalb des Gipfels. Das viele Eis lässt mich jedoch nicht lange dort verweilen.

Links eines grossen Couloirs, das direkt hinunter auf den Rhonegletscher führt, steige ich mit sicheren Schritten über eine steile Flanke zu unserer Stelle ab. Am Rand des Gletschers montiere ich die Steigeisen. Zielstrebig geht’s zur Kluft, von der ich noch etwa 200 Meter Luftlinie entfernt bin. Rein zufällig bleibt mein Blick an einem senkrechten, orangefarbenen Pfeiler hängen, dessen Fuss im blauen Gletschereis verschwindet. War da nicht ein Glitzern?! „Das muss ich mir mal aus der Nähe ansehen“, sage ich zu mir. Doch einfacher gesagt als getan. Das Eisfeld ist blank und von einer respektablen Steilheit. Vorsichtig wird die Flanke abwärts steigend gequert. Da, wieder dieses Glitzern. Meine Augen fokussieren angestrengt auf diese verdächtige Stelle. Nur noch wenige Schritte, dann kann ich diesem Glitzern auf den Grund gehen.

Zwei drei kurze Kletterzüge später stehe ich vor einem morschen Quarzband. Davor liegen verstreut einige Rauchquarzspitzen. „Wohl eine alte Kluft“, denke ich im ersten Moment. Als ich aber die ersten unversehrten Spitzen in meinen Händen halte, kommen mir einige Zweifel, ob hier bereits jemand vor mir war. Unverzüglich setze ich mein Spitzeisen an und bearbeite das morsche Quarzband. In kurzer Zeit öffnet sich eine Bandtasche, der ich einige schöne Stufen entnehmen kann. Staunend suchen meine Augen die nähere Umgebung des Pfeilers ab. Etwa zehn Meter höher entdecke ich eine weitere markante Zeichnung im Fels. Schnell ist die Müdigkeit verflogen. Leichte Kletterei, und schon stehe ich vor einer weiteren Kluft. Dieses Mal kann ich jedoch ohne Werkzeug kleine Stufen mit blossen Händen ans Tageslicht befördern. Stufe um Stufe von hervorragender Qualität lege ich behutsam auf ein sicheres Felsband unmittelbar neben der Kluft. Eine Deckenstufe lässt sich mit wenigen Schlägen wunderbar lösen. Die Zeit verrinnt wie im Fluge. Was, schon 16 Uhr? Zeit für den Heimweg! Wie gewohnt deponiere ich einiges Werkzeug in den beiden Klüften. Schnell sind die schönsten Stufen transportfähig verpackt. Ein kräftiger Schluck aus der Trinkflasche und los geht’s hinunter auf den Rhonegletscher. Der schwere Rucksack schnürt sich unangenehm in meinen Schultern ein. Zudem bin ich bereits seit zwölf Stunden unterwegs. Ausser kurzen Essenspausen war ich immer in Bewegung. Langsam macht sich eine leichte Müdigkeit bemerkbar. Doch die tollen Stufen im Rucksack verdrängen die Gedanken an die Müdigkeit. Zudem habe ich jetzt keine Zeit, um müde zu sein. Wie in den vergangenen Tagen nähert sich auch heute wieder eine Gewitterfront. Nach einer guten Stunde lege ich eine kurze Pause ein. Die schwere Last macht mir immer mehr zu Schaffen. Da kommt mir eine Geschichte des bekannten Strahlers Guisep Venzin in den Sinn. Er soll einmal eine 95 kg schwere Adularstufe vom Piz Starlera runter getragen haben. Eine schier unglaubliche Last. Aber er bezahlte für diesen Gewaltakt einen hohen Preis. Er lag anschliessend 2 Wochen lang völlig erschöpft und zerschunden im Bett, bis er sich von den Strapazen wieder erholt hatte. Mit Schaudern denke ich daran, dass in zwei Wochen meine Ferien zu Ende wären...

Kurz entschlossen deponiere ich die grösste und schwerste Stufe unter einem markanten Stein. Ich muss mir eingestehen, dass ich dieser schweren Last nicht gewachsen bin. Nun, mit bedeutend leichterer Last werden auch meine Schritte wieder sicherer, vor allem auf dem letzten Teilstück über den blanken Rhonegletscher. Mit schweren Beinen meistere ich auch noch die fiese Gegensteigung von der Eisgrotte zum Belvedère hoch. Zufrieden verstaue ich den Rucksack und die restlichen Utensilien im Auto, froh darüber morgen einen Ruhetag einlegen zu können. Laut Wetterbericht hat sich wieder mal eine Kaltfront angemeldet. In diesem Sommer ja nichts Neues. Nach einem erholsamen Tag bin ich zu Hause bereits wieder unruhig und kribbelig.

Trotz misslichen Wetterverhältnissen entschliesse ich mich, die vorgestern deponierte Stufe zu bergen. Bewaffnet mit einem Regenschirm, versuche ich dem Dauerregen zu trotzen. Kopf und Oberkörper bleiben zwar relativ trocken, aber Füsse und Beine erhalten trotz Gore-Tex-Kleidung eine Ladung Feuchtigkeit ab. So nimmt dieser Schwertransport, wenn auch auf zwei Etappen verteilt doch noch ein glückliches Ende.

Wieder zu zweit am Berg.
Der nächste schöne Tag lässt dann aber nicht lange auf sich warten. Heute sind wir wieder zu zweit unterwegs. Nachdem wir am Morgen noch zwei Versorgungsflüge zur Voralphütte abgefertigt haben, machen wir uns kurz vor Mittag auf den Weg zu unserer neuen Fundstelle. Bei strahlendem Sonnenschein „fliegen“ wir förmlich dem Galenstock entgegen. Ausnahmsweise sind heute einmal keine Gewitter angesagt, was uns voraussichtlich erlaubt, bis am späten Nachmittag an den neuen Klüften zu arbeiten. Am Fundort angekommen, verlieren wir keine Zeit. Während Bruno oben arbeitet und schon nach kurzer Zeit einige herrliche Stufen bergen kann, versuche ich unten am grossen Band mein Glück. An meiner Arbeitsstelle wird das Quarzband aber immer zäher. Auch hat sich seit längerer Zeit keine Bandtasche mehr geöffnet. Ohne grobes Werkzeug macht es wahrscheinlich keinen Sinn mehr hier weiter zu arbeiten. So ungeduldig wie ich bin, nehme ich die nähere Umgebung genauer unter die Lupe. Währendessen gelingt es Bruno immer mehr die Kluft von oben her abzubauen und eine Stufe nach der anderen vorsichtig zu bergen. Die Zeit vergeht wieder wie im Flug. Vorsichtig werden am späten Nachmittag die Kristalle in Zeitungen gewickelt und im Rucksack verpackt. Auch heute hat wieder jeder von uns eine gewichtige Ladung an Steinen. So nimmt ein weiterer langer, aber erlebnisreicher Strahlertag sein Ende. Im Bewusstsein, nicht jedes Mal so reichlich ernten zu können wie in den vergangenen Tagen, werden wir doch immer wieder unterwegs sein und versuchen, einen schönen Gipfel auf einem neuen Weg zu besteigen oder mit Glück eine neue Kluft zu finden.